
Wie ich von einer Wurst adoptiert wurde
Zurzeit schlägt mir der YouTube-Algorithmus immer wieder Videos vor, in denen Hunde ihre Menschen „adoptieren“. Dutzende potenzielle Hundebesitzer sitzen erwartungsvoll in langen Stuhlreihen im Tierheim und hoffen, von ihrem zukünftigen Hund auserwählt zu werden. Super knuffig süße Hunde, die aussehen, als seien sie direkt aus der Pedigree-Werbung entsprungen, treffen dabei erstaunlich kluge Entscheidungen. Es kommt zu herzergreifenden Szenen voller Freude – denn die Hunde halten sich bei ihrer Wahl ganz offensichtlich an bewährte Hunde-Mensch-Team-Klischees.
Die Videos sind unglaublich süß. Und natürlich KI-generiert. Es gibt keine Adoptionsevents im Tierheim, bei denen sich Menschen einfinden, um sich von Hunden adoptieren zu lassen. Und seien wir ehrlich: Auch eine sich anbahnende Freundschaft zwischen Mensch und Hund hat immer zwei Seiten. Die Zuneigung des Vierbeiners muss schließlich erwidert werden. Menschen haben Präferenzen und Vorstellungen – an Rasse, Aussehen und daran, wie das gemeinsame Leben aussehen soll.
Aber was passiert, wenn sich ein Hund aus dem Tierschutz beim ersten Treffen an dich rankuschelt, als gäbe es kein Morgen, der kleine Kerl aber aussieht wie eine dicke Wurst auf vier Beinen? Der Kopf zu klein, die Beine zu kurz für den langen, übergewichtigen Körper. Freut man sich dann wie verrückt, adoptiert worden zu sein?
Aus Erfahrung kann ich sagen: Nein. So einfach ist das natürlich nicht.
Genau das ist mir im November letzten Jahres passiert. Ausgerechnet am 25. Kennenlerntag von meinem dicken Kater und mir. Den Vormittag hatten Tom und ich noch gemütlich in der Sauna verbracht, am Nachmittag war ich mit meinem Patenhund Lucy auf einer ausgedehnten Gassirunde im Wald unterwegs. Als wir am Tierschutzhof vorbeikamen, traf ich dort Susanne mit zwei Tierschutzhunden. Ich ließ Lucy kurz schnuppern, ging in die Knie, um die beiden anderen Hunde zu begrüßen… Und dann passierte es.
Einer von ihnen kuschelte sich mit meisterlicher Hingabe direkt in mein Herz. Linus wirft sich mit so viel Inbrunst in die Kuschelei, dass man vollkommen beseelt aus der Begegnung herausgeht.
Am Abend erzählte ich Tom, dass ich beinahe auf der Stelle einen Hund adoptiert hätte. In den folgenden Wochen war ich zwar mit anderen Dingen beschäftigt, aber der kleine Kerl ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Auf der Website des Tierschutzhofs erfuhr ich, dass Linus sechs Jahre alt ist und sein ganzes Leben im Zwinger eines Tierheims in Serbien verbracht hatte. Das Facebook-Foto zeigte einen fetten Hund mit kurzen Beinen, der aussah, als wäre er schon ein alter Hundeopa. Ich starrte dieses Bild immer wieder an und konnte kaum glauben, dass ich mich ausgerechnet in so einen hässlichen Hund verguckt hatte.
In älteren Beiträgen lernte ich: Linus ist ein Kuschelexperte. Nicht exklusiv für mich, wie ich schnell verstand – er kuschelt einfach gern mit Menschen, denen er vertraut. Und mir hatte er dieses Vertrauen offensichtlich schon beim ersten Treffen geschenkt. Das zählt.
In jungen Jahren war Linus sehr ängstlich und vorsichtig – ein Charakterzug, den man auch heute noch spürt. Gleichzeitig war er aktiv, bemüht zu gefallen und sehr menschenbezogen. Das gefiel mir besonders. Ein wohltuender Gegensatz zu meinem Patenhund Lucy, die mich zwar liebt, mich unterwegs aber mit dem Hintern nicht mehr anschaut. Linus hingegen behält mich ständig im Blick. Und er hat wunderschöne Augen.
Irgendwann entschied ich mit dem Herzen und aus dem Bauch heraus, dass ein Hund mit so viel Charme und so eigenwilligem Charakter eine Chance verdient. Und nachdem auch Tom immer wieder fragte, was denn aus diesem hässlichen, dicken Hund geworden sei, vereinbarte ich gut zwei Wochen nach dem ersten Treffen einen Termin zum gemeinsamen Laufen.
Laufen ist dabei großzügig formuliert. Vorne watschelte Linus wie eine Ente, hinten sah es aus, als hätte man ihm statt Hinterläufen zwei Stöckchen ins Hinterteil geschoben. Ich machte mir Sorgen wegen Hüfte oder Arthrose, hoffte aber, dass sein Gangbild vor allem dem Übergewicht und mangelnder Fitness geschuldet war. (Der Tierarzt bestätigte später: Hüfte nicht perfekt, aber wahrscheinlich ausreichend für ein langes Hundeleben ohne OP.)
Nach und nach stellte ich Linus Lucy, Tom und schließlich auch meinem Jüngsten vor. Mit Lucy kam er wunderbar zurecht, mit Tom wurde sofort gekuschelt. Kinder mag er leider nicht, was für meinen Sohn sehr frustrierend ist. Inzwischen wird Alex immerhin nicht mehr angeknurrt, darf Leckerlis verteilen und streicheln. Wir arbeiten daran.
Zum Nikolaus zog Linus zur Probe bei uns ein. Und blieb. Kurz vor den Weihnachtsferien unterschrieb ich den Vertrag, und seitdem gehört dieser Hund offiziell zur Familie. Es ist aufregend, natürlich auch anstrengend – und sehr schön.
Vielleicht sind diese KI-generierten Videos gar nicht so unrealistisch. Denn oft machen bei einer Adoption die Vierbeiner den ersten Schritt auf einen Menschen zu. Für sie zählen weder Aussehen noch Fitness oder Lebensplan. Eine kleine Geste, ein bisschen Interesse, jemand, der stehen bleibt und sich zu ihnen herunterbeugt – all das kann einem Hund den Mut geben, sich einem völlig Fremden zuzuwenden.
Den zweiten Schritt muss der Zweibeiner gehen. Und der erfordert ebenfalls Mut. Manchmal auch die Offenheit, sich von einer kleinen, älteren, dicken Wurst auf vier Pfoten adoptieren zu lassen.